Verwöhnung entsteht durch Situationen, in denen
- die erwachsene Person dem Kind (zu) wenig zutraut, eine Überbesorgnis an den Tag legt oder oft Zweifel an der Tüchtigkeit des Kindes verlauten lässt.
- dem Kind zu bewältigende Aufgaben zu schnell abgenommen werden. D. h. dem Kind wird die Anstrengung «erspart».
- das Kind mit Materiellem überhäuft wird oder durch unangemessene, überschwängliche Bewunderung.
- natürliche Frustrationserlebnisse dem Kind abgenommen werden. Die Bezugsperson will dem Kind Frust «ersparen».
- Grenzen fehlen oder nicht ausreichend sind.
- die Bezugsperson sich vom Kind unter Druck setzen oder erpressen lässt.
Das verwöhnte Kind kann zu folgenden Verhaltensmuster neigen (nicht abschliessende Aufzählung):
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Gesteigerte Macht- und Herrschsucht
Diese Tendenz kann auch bei autoritärer Erziehung zum Vorschein kommen.
Diese Kinder wollen demonstrieren, befehlen und kontrollieren. Sie wollen, dass die Erwachsenen nach ihrer Pfeife tanzen. Ist dies nicht möglich, sind sie zutiefst beleidigt und ziehen sich
meistens zurück. Ist das Verhalten ausgeprägt, suchen die Kinder eine kontinuierliche Aufmerksamkeit – koste es, was es wolle.
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Anspruchshaltung und unrealistische Erwartungen an Mitmenschen
Diese Kinder erwarten von Institutionen und Bezugspersonen alle möglichen und unmöglichen Dienstleistungen. Sie erachten diese als selbstverständlich und sind mit dem Gefühl gross geworden,
dass sie Spass haben, während andere das Drumherum für sie erledigen. Sie kennen es nicht anders und leben mit dieser Überzeugung.
Es könnte auch sein, dass diese Kinder sich absolut unfähig/talentlos erleben bis auf den Punkt, dass sie sich talentiert und fähig erleben, Menschen zu finden, die für sie die Dinge
erledigen.
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Gesteigertes Streben nach Mittelpunktstellung
Die Bezugspersonen bewundern das Kind, stellen es in den Mittelpunkt. Dies kommt gerne bei Eltern vor, deren Kinderwunsch
lange unerfüllt blieb.
Diese Kinder sind oft ehrgeizig, fordern eine bevorzugte Behandlung und stellen sich gerne in den Mittelpunkt. Dies verleiht ihnen das Gefühl, wertvoll zu sein. Gelingt dies nicht, fühlen sie
sich ungerecht behandelt, ungeliebt und missverstanden.
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Egoistisches Interesse
Diese Kinder/Menschen sind engagiert und interessiert, solange es um die eigene Person geht. Ist dies nicht der Fall, werden sie langweilig und
uninteressant.
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Mangel an sozialen Fertigkeiten
Da diese Kinder/Menschen oft um sich selber kreisen, fehlt ihnen meistens die Fähigkeit, sich in die Bedürfnisse und Nöte anderer
einzufühlen. Sie sind sich gewohnt, dass sich alles um sie dreht. In aller Regel sind sie keine Teamplayers.
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Innere und/oder äussere Einsamkeit
Da es diesen Menschen schwerfällt, Beziehungen auf Augenhöhe zu pflegen, werden sie oft immer weniger eingeladen, was ihr Freundschaftskreis schrumpfen lässt. Einige entwickeln ein spezielles
Einzelgängertum.
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Wiederkehrende Angst vor neuen Aufgaben/Anforderungen
Verwöhnte Kinder stehen früher oder später vor neuen Aufgaben, ohne das Rüstzeugs aus den früheren Jahren
mitgenommen zu haben. Da diese Kinder praktisch nie vor Situationen standen, welche sie aus eigener Kraft bewältigen konnten, fehlen ihnen diesbezüglich Wissen und auch der Glaube an die
eigenen Fähigkeiten.
Aus diesem Grund erleben diese Kinder Neues als bedrohlich und nicht bewältigbar. Psychische und somatische Reaktionen sind nicht selten (z.B. Schlafstörung, Flucht in Tagträume u.a.). Als
Erwachsene versuchen sie sich teilweise mit Alkohol, Medikamenten oder anderen Drogen zu beruhigen oder sich den fehlenden Mut zuzuführen.
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Wechsel/Kombination von Minderwertigkeitsgefühl und Selbstüberschätzung
Mit der Realität konfrontiert, können verwöhnte Menschen in ein tiefes Minderwertigkeitsgefühl
versinken. Konnten sie einen Erfolg verbuchen, ist ihr Selbstlob nicht zu übertreffen. Dieser Wechsel kann innert Minuten eintreffen.
Menschen fällt es grundsätzlich nicht einfach, sich «objektiv» zu sehen. Verwöhnten Menschen ist dies praktisch zur Gänze verunmöglicht.
Bezugspersonen, welche Schuldgefühle mit sich herumtragen, neigen eher zu verwöhnenden Handlungen. Werden diese Personen darauf hingewiesen, dass sie dem Kind schaden und nichts Gutes tun, wehren
sie ihr tun ab. Ein Grossvater könnte erwidern: «Ich darf das. Ich bin der Grossvater. Ich darf verwöhnen.» Dumm ist, wenn das Kind 5 Tage die Woche bei diesem Grossvater ist.
Weitere Gründe könnten sein:
- Kultur
- Reichtum als Statussymbol
- Eigene unverarbeitete Lebensgeschichte
- Kleinheits- und Unsicherheitsgefühle der Erwachsenen, eigene Identitätslücken
- unbefriedigende Lebenssituation
- Lebensängste der Eltern
- unerfahrene Eltern
- Angst davor, vom Kind nicht geliebt zu werden
- um Ruhe zu haben
- Konfliktangst
- Angst nicht mehr benötigt zu werden (Selbständigkeit des Kindes verhindern)
Der demokratische Erziehungsstil gibt dem Kind Anregungen (keine Lösungen). Er lehrt den Umgang mit logischen und natürlichen Konsequenzen. Diese ermöglichen dem Kind eine Lernerfahrung.
Erwachsene begegnen dem Kind auf gleicher Augenhöhe. Sie sind am Kind interessiert, können sich in ihn einfühlen und seine Bedürfnisse verstehen. Das Kind bekommt altersadäquate
Eigenverantwortung (z.B. Hausaufgaben), welche durch die erwachsene Person sorgfältig eingeführt wurde. Dem Kind wird das Leben zugetraut und zugemutet. Während Ermutigung häufig vorkommt, wird
versucht auf Lob zu verzichten. Geht mal etwas schief, ist nicht die Schuldfrage primär, sondern das Finden von Lösungen und Wiedergutmachungen. Das Kind ist hier gefordert. Die Bezugsperson
steht dem Kind zur Seite und gibt - je nach Bedarf - Rückhalt.
Regeln werden partizipativ erarbeitet (z.B. im Klassen- oder Familienrat). Die Devise heisst: Unterstützen und begleiten anstelle von einschränken. Richtlinien für das tägliche Miteinander sind
vorgegeben. Innerhalb dieser Leitplanken bestehen Möglichkeiten, die das Kind mitgestalten darf und soll.
Ruhige Gespräche führen zu guten Lösungen. Sind die Gemüter erhitzt, wird das Gespräch auf einen späteren Zeitpunkt verlegt.
Dinge, die das Kind selbständig kann, werden nicht mehr von Erwachsenen übernommen (z.B. Jake anziehen). Während unnötige Hilfe vermieden wird, wird darauf geachtet, dass das Kind gemäss seinen
Möglichkeiten gefordert (nicht überfordert) wird. Ist das Kind entmutigt, erinnert die Bezugsperson an vorangegangene Erfolge, ist empathisch und bleibt beim Kind (ohne dass sie die Kindsaufgabe
übernimmt).
Die nachfolgenden Schritte sind keinen Ersatz für eine seriöse Beratung. Die Punkte 1. – 6. zeigen Ideen auf. Bevor Massnahmen ins Auge gefasst werden, ist dringen zu eruieren, wie stark die
Ausprägung der Verwöhnung ist und in welchen Aspekten sich diese wie zeigt. Die Gesamtsituation des Kindes soll möglichst lückenfrei aufgenommen werden inkl. anstehende Entwicklungsaufgaben.
- Verwöhnte Kinder haben ein falsches Bild von sich und der Welt entwickelt. Die Spiegelung der Tatsachen ohne Beschämung ist wichtig (beschreibend, nicht wertend).
- Diese Kinder bringen oft Defizite in alltäglichen Dingen mit. Ein stufenweises Vorgehen beim Lernen hilft. Überforderungen sind zu vermeiden, da diese als Weltuntergang erlebt werden können
und das Kind extrem entmutigen. Erfolge in kleinen Schritten ansteuern, welche nicht mit Lob quittiert werden. Vielmehr erkennt man die Eigenleistung an. Spiegelt die Anstrengung, welche zum
Erfolg geführt haben und freut sich mit dem Kind.
- Wichtig: Erziehungspersonen verweigern unnötige Hilfe. Dies soll dem Kind transparent kommuniziert werden. Z.B. Ab nächster Woche werde ich dich nicht mehr an die Hausaufgaben erinnern.
Möchtest du dir alleine oder mit mir zusammen überlegen, wie es dir gelingt, selber daran zu denken?
- Die Bezugsperson ist gefordert angstfreie Formulierungen zu verwenden. Ein Beispiel:
Anstelle von: «Achtung! Nicht hinfallen!» => «Hier ist es gefroren. Schau, es hat Eis.»
Anstelle von: «Halt! Komm sofort hierher!» => «Halt! Das ist gefährlich. Ich erkläre dir warum.»
- Learning by Doing. Das Gefühl der Selbstwirksamkeit tut Kindern gut. Sie müssen merken, dass der Erfolg durch ihre eigenen Taten zustande kam. Das sich das Überwinden von Frust und
Versagensängsten gelohnt haben.
- Liebe Bezugspersonen behaltet den Humor. Schaut wohlwollend auf das Kind und vermittelt ihm, dass Sie an seine Fähigkeiten glauben.
Quelle:
Jürg Frick, Die Droge Verwöhnung